Innenstadt Mainz. Ladentüren öffnen und schließen sich, die Menschen trappeln träge in der Sonne und schlecken ihr Waffeleis. Da erhebt sich am Markplatz eine Stimme und eine temperamentvolle Arie donnert über das Pflaster, die Heunensäule scheint zu vibrieren unter der volltönenden Tenor-Stimme des wohl bekanntesten Mainzer Straßenmusikers: Herbert Wüscher. Möchte man mit ihm reden, muss man das Ende seines immer gleichen halbstündigen Auftrittes abwarten, bis er „kassiert“ hat.
Wüscher ist ausgebildeter Tenor. Nach einer Verletzung konnte er für ein Jahr nicht arbeiten und weil er für Hartz IV zu stolz war, ging er auf die Straße, um zu singen. Vollständig genesen, stellte ihn keiner mehr an. Straßenmusik gelte als unseriös, erzählt Wüscher mit Bitterkeit in der sonoren Stimme. „Aber ich will kein Mitleid von den Leuten, ich möchte, dass sie ihr Herz öffnen für meine Musik.“ Eine ältere Dame habe mal zu ihm gesagt, sie höre ihm lieber zu als ins Theater zu gehen, wo die Inszenierungen so komisch seien. Ein Obdachloser hat einmal gesagt, dass er nun weiß, warum reichere Menschen Geld bezahlen, um eine Oper zu sehen. Kinder und Jugendliche hören Straßenmusiker zum ersten und vielleicht nicht letzten Mal eine Opernarie, wenn sie ihn treffen. „Doch es gibt auch unpflegliche Leute, die behaupten, ich sänge Playback“, ärgert sich Wüscher. Lediglich die Orchesterbegleitung kommt aus der Anlage.
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