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Stotterarie

Was in Programmen oft schlicht als „Stotterarie“ auftaucht, sind Vašeks stotternde Solo-Nummern aus Smetanas Die verkaufte Braut (UA 30. Mai 1866, Prag). Besonders bekannt ist Vašeks Auftrittslied im 2. Akt – im Tschechischen mit dem charakteristischen Einsatz „Ma-ma-ma matička povídala…“ –, in dem der verunsicherte Bräutigam seine Angst vor der bevorstehenden Hochzeit herausstammelt. Smetana zeichnet das Stottern notengetreu in Silben-Repetitionen und kleinen Tonschritten nach; im 3. Akt kehrt das Stilmittel in Vašeks Klage „To-to mi v hlavě le-leží“ wieder. Damit wird der Sprachfehler zur musikalischen Charakterstudie: komisch, aber menschlich.  

Für den Tenor ist das eine heikle Gratwanderung zwischen Präzision und Leichtigkeit: Die Silbenketten müssen rhythmisch punktgenau und intonatorisch sauber sitzen, die Mittellage braucht Wärme, damit Vašek nicht zur Karikatur verkommt; kurze Legato-Brücken verbinden die „Hakeleien“ zu einer singbaren Linie. Musikolog:innen haben wiederholt betont, wie „natürlich“ Smetana das Stottern in Musik überführt – es wirkt nie wie ein bloßer Gag, sondern entspringt Vašeks Nervosität.  

Kontextualisiert wird die Nummer durch Operngeschichte: Schon Zeitgenossen sahen Vorläufer in Mozarts Don Curzio (Le nozze di Figaro), dessen stotternder Sprechgesang als Modell für Vašeks musikalisches Stottern gilt. Smetana entwickelt daraus jedoch eine eigenständige, melodisch geformte Buffo-Arie – ein Grund, weshalb Vašeks Stücke auch außerhalb des szenischen Kontexts gern als Konzert-Showpiece erscheinen.

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