Mozarts Don Giovanni (Uraufführung 29. Oktober 1787 im Prager Ständetheater; Libretto: Lorenzo Da Ponte) erzählt vom Sturz eines rücksichtslosen Verführers – und stellt ihm mit Don Ottavio als Ideal des maßvollen, loyalen Aristokraten den Maßstab von Werten wie Treue und Rechtsgefühl gegenüber.
Ottavio ist ein junger spanischer Edelmann und Verlobter Donna Annas. Nach der Ermordung ihres Vaters durch Don Giovanni bindet er sich an das Versprechen, Gerechtigkeit zu suchen: aristokratische Haltung statt Selbstjustiz. Dabei bleibt Ottavio – auch musikalisch – seiner Linie treu, während ringsum Leidenschaften lodern. Seine zwei großen Arien zeichnen diese Haltung auf unterschiedliche Weise.
„Il mio tesoro“ (Akt II, Prager Fassung 1787) zeigt den bewegten, aktiv handelnden und agilen Ottavio: geschmeidiges Legato über dem Passaggio, präzise Koloraturläufe, makellose Artikulation. Die Passage ist technisch heikler, lebt von Pflicht und Tatkraft, endet aber nie im Wutausbruch. „Dalla sua pace“ (Akt I, für die Wiener Fassung 1788 neu komponiert) zeichnet den nachdenklichen Ottavio: der kontemplative Bekenntnismonolog mit langen Legatobögen erfordert ruhige Atemführung, mezza-voce-Kultur und jene innere Ruhe, die seine Loyalität hörbar macht – Keine Bravour sondern Kontrolle. Die Arie, die innere Ruhe über Virtuosität stellt, wurde speziell auf Francesco Morella zugeschnitten.
In heutigen Mischfassungen erklingen oft beide Nummern; ideal ist es, die Kontraste bewusst zu profilieren. Tatkraft hier, Gelassenheit dort, wobei stets die Haltung und die Linie vor die Dynamik zu stellen ist.
In den Ensembles – etwa im Sextett „Sola, sola in buio loco“ (Akt II) – muss sich Ottavio mit stilistischer Präzision in Mozarts kontrapunktische Textur fügen. Hier erfordert die Partie klare Konsonanten, schlanke Vokale, keine „heldentenorale“ Schwere. Genau diese Ensemble-Disziplin macht die Figur zum musikalischen Gegenpol des zügellosen Titelhelden.
Dramaturgisch wirkt Don Ottavio nie passiv oder farblos, zeigt der doch fortwährend kontrollierte Entschlossenheit: Zuwendung zu Anna, Beharren auf Recht, Abstand zum Chaos, das Don Giovanni erzeugt. Er wirkt nicht streng sondern menschlich. Zwischen Pflichtgefühl und emotionaler Verletzlichkeit bleibt die Spannung jedoch hörbar: der Druck durch den Ehrenkodex, der gespendete Trost für Anna. Stimmlich ist er ein lyrischer Mozart-Tenor: tragfähige Mittellage, ruhiges Legato, saubere Koloratur ohne Druck, kultivierte Piani. Kostümbildner betonen das oft mit hellen Rokoko-Tönen und reduzierter Gestik; entscheidend ist aber die moralische Gravität in Stimme und Haltung: klare Linie, klare Worte, klare Absicht. Wer Ottavios zwei Arien als zwei Seiten derselben Tugend begreift, trifft die Rolle exemplarisch – Reinheit des Tons als Spiegel einer standhaften, empathischen Persönlichkeit.