Johann Strauss’ Operette Eine Nacht in Venedig kam am 3. Oktober 1883 in Berlin heraus, die Wiener Erstaufführung folgte am 9. Oktober im Theater an der Wien (Libretto: F. Zell/Camillo Walzel und Richard Genée). Im Taumel des venezianischen Karnevals wirbt der lebenslustige, selbstbewusste und doch eitle Herzog von Urbino um die Senatorengattin Barbara Delaqua; sein Leibbarbier Caramello soll sie ihm als Gondolier diskret zuführen. Doch in der Dunkelheit der Nacht steigt nicht Barbara, sondern die Fischerstochter Annina in die Gondel – und eine Kette von Verwechslungen, galanten Täuschungen und koketten Enthüllungen nimmt ihren Lauf, bis am Ende die Paare zueinanderfinden und der Herzog, charmant statt nachtragend, das Spiel mit einem Augenzwinkern beschließt.
Vokal lebt die Rolle von eleganter Linienführung, leichtem parlando und einem Walzerpuls, der schwingt, ohne zu drücken: ein lyrisch strahlender Tenor, der den Esprit des Salons trägt und in der Höhe glänzt, ohne je schwer zu werden. Je nach Fassung erhält der Herzog zusätzlich solistischen Glanz: In vielen heutigen Produktionen – geprägt von späteren Wiener Bearbeitungen – singt er das pointierte Couplet „Treu sein, das liegt mir nicht“ und die schwärmerische Begrüßung Venedigs; im Kernrepertoire bleibt das berühmte „Komm in die Gondel“ Caramellos Visitenkarte, während der Lagunenwalzer als Ensemble- und Chormoment die nächtliche Szenerie weit aufspannt. Entscheidend ist in dieser Maskerade einer venezianischen Karnevalsnacht stets der Ton der Nonchalance: Wortklarheit, federnde Phrasierung und Charme vor Volumen.
Szenisch trägt der Herzog barocke Pracht – Brokat, Seide, Halbmaske –, doch seine Wirkung entsteht weniger aus Prunk als aus Haltung: ein Bewegungsdarsteller, der mit leichtem Schritt durch das Maskengewirr führt. Kein Zufall, dass Eine Nacht in Venedig gern in der Karnevalszeit gespielt wird: Die Rolle bündelt den Reiz der Operette – Verführungskunst, Witz und der schimmernde Schein einer Nacht, in der alles möglich scheint.