Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza wurde am 28. Februar 1924 im Theater an der Wien uraufgeführt (Libretto: Julius Brammer/Alfred Grünwald). Auf dem ungarischen Landsitz der jungen Witwe Mariza taucht (die Titelheldin) Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg inkognito als Gutsverwalter auf – nicht um Schulden einzutreiben, sondern um die Verbindlichkeiten seines verstorbenen Vaters zu tilgen und seiner Schwester Lisa eine Mitgift zu sichern. Aus dem Pflichtmanöver wird Gefühl: Zwischen ländlichem Fest, Csárdás-Feuer und Wiener Walzerflair entspinnt sich die Liebesgeschichte mit der Gräfin.
Tassilo ist – fachtypisch – Tenor: eine tragfähige, elegante Mittellage und leuchtende Höhe mit ausreichend Strahlkraft tragen seine großen Nummern. Signaturstücke sind das Sehnsuchtslied „Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien)“ und – je nach Fassung sehr präsent – „Komm, Zigány, spiel mir was vor“: Beide verlangen weites Cantabile, geschmackvolle Portamenti und einen Kulminationston mit squillo, der aus der Linie heraus aufblüht, ohne forciert zu wirken. In den Duetten zeigt die Partie ihre zwei Farben: mit Mariza schimmernd-kantabel („Sag ja, mein Lieb, sag ja“, „Einmal möcht’ ich wieder tanzen“), mit Lisa warm-nostalgisch („Schwesterlein, Schwesterlein“). Diese Mischung aus eleganter Salonmelodik und ungarischem Puls macht Tassilo zur Idealrolle für lyrische Tenöre mit Reserve.
Wichtig für die Werkeinordnung: Der allseits bekannte Schlager „Komm mit nach Varasdin“ wird von Mariza und Baron Koloman Zsupán (manchmal auch Lisa/Zsupán in späteren Bearbeitungen) gesungen. Die Rolle des Tassilo profiliert sich vielmehr über seine eigenen Auftrittslieder und die intimen Zwiegesänge mit Mariza und Lisa.
Szenisch funktioniert Tassilo als Edelmann ohne Pose: schlichtes Inkognito (Verwalter „Béla Török“) im ersten Akt, später feierliche Eleganz – doch nie schwer, stets mit Nonchalance. Der ungarische Rhythmus unterstreicht das Flair; musikalisch bleibt der Ton kultiviert, nicht grob-veristisch. So wird Tassilo zum leuchtenden Gegenpol in Kálmáns Spätromantik – und zum Publikumsliebling zwischen Csárdás und Walzer. Und doch sollte der Tenor schauspielerisch koketten Witz genauso präsentieren wie aufrichtige Innigkeit. Kostümtechnisch wird er oft in smaragdgrünem Gehrock mit silbernen Stickereien gezeigt – ein Augenschmaus, der das ungarische Flair unterstreicht. An heißen Sommerabenden in Schönbrunn erntet Tassilos Liebesduett besonders begeisterten Applaus, wenn die Operettengötter über der Seebühne glitzern.