„O Holy Night“ geht auf das französische „Minuit, chrétiens“ zurück: 1847 vertonte Adolphe Adam ein Gedicht des Weinhändlers und Gelegenheitsdichters Placide Cappeau. Das Lied erklang erstmals zur Mitternachtsmesse 1847 in Roquemaure (Vaucluse) und verbreitete sich in Frankreich rasch; die heute geläufige englische Fassung stammt von dem amerikanischen Unitarier und Musikkritiker John S. Dwight (1855).
Dramaturgisch verbindet die französische Originaldichtung einen feierlich-hymnischen Aufruf („Peuple, à genoux…“) mit der Weihnachtsbotschaft; Dwights englischer Text setzt stärker auf innere Andacht und enthält – ganz im Geist seiner abolitionistischen Haltung – die berühmte Zeile „Chains shall He break, for the slave is our brother“. So spiegelt das Stück nicht nur liturgische Erhebung, sondern auch humanitäre Idealvorstellungen des 19. Jahrhunderts.
Musikalisch ist „O Holy Night“ kein Chorsatz per se, sondern eine Solokantile mit Begleitung (Orgel, Klavier oder Orchester); unzählige Arrangements – bis hin zu SATB-Chorfassungen – haben es später zum Gemeindelied gemacht. Typisch sind der 6/8-Takt, ein ruhiges Andante zu Beginn und eine stufenweise Steigerung bis zur Schlusswelle („O night divine“). Für Tenöre funktioniert das Stück am besten in B- oder C-Dur (je nach Ausgabe); der Klimax liegt dann komfortabel im Bereich A–B♭ – weit entfernt von spektakulären „Hoch-D“-Mythen. Entscheidend sind weite Atembögen, mezza-voce-Kultur am Anfang und ein gerader, tragfähiger Schluss, der aus der Linie wächst, nicht aus Lautstärke.
Adam ist heute vor allem für den Ballettklassiker „Giselle“ und mehrere opéras comiques bekannt; mit „Minuit, chrétiens“ gelang ihm ein Weihnachtslied, das zwischen Sakral- und Volksliedtradition vermittelt und weltweit zum Adventsrepertoire zählt wie auch „Adeste fideles“, „Ave verum corpus“und „Panis angelicus“.