„Nel blu, dipinto di blu“ – weltweit bekannt unter dem Titel „Volare“ – wurde 1958 von Domenico Modugno gemeinsam mit Franco Migliacci geschrieben und gewann in diesem Jahr das Festival von Sanremo. Der Song markiert eine Zäsur in der italienischen Musikgeschichte: Er löste das Genre vom traditionellen, statischen Belcanto-Schlager und begründete den Typus des Cantautore, des singenden Autors, der eigene Texte und Musik vorträgt. International wurde „Volare“ zum größten italienischen Exporterfolg der Nachkriegszeit, erreichte Platz eins der US-Charts und gewann bei der ersten Grammy-Verleihung 1959 die Auszeichnungen als Song und als Aufnahme des Jahres – bis heute der einzige nicht-englischsprachige Titel, dem dies gelang.
Die Idee zum Text geht auf Franco Migliacci zurück, der sich von zwei Bildern Marc Chagalls inspirieren ließ – unter anderem von einer Figur, die schwerelos durch einen blauen Himmel schwebt. Daraus entstand die zentrale Metapher: der Traum vom Fliegen, vom blau bemalten Gesicht und von der Entgrenzung des Alltags. Modugnos Interpretation beim Sanremo-Festival, bei der er beim Refrain die Arme weit ausbreitete, wurde zur ikonischen Geste und ging in das kollektive Bildgedächtnis ein. Der Titel wurde in der Folge von unzähligen Künstlern eingespielt, darunter Dean Martin, Ella Fitzgerald und die Gipsy Kings, und blieb über alle Stilrichtungen hinweg ein Standard.
Musikalisch ist der Song eine gelungene Konstruktion aus Kontrast und Entladung: Die Strophe beginnt langsam, fast rezitativisch und frei im Tempo, bevor der Refrain in einen offenen, weit ausschwingenden Dur-Klang aufbricht, der von der Stimme volle Tragfähigkeit und dynamische Reserven verlangt. Diese Anlage macht das Stück für Sänger ausgesprochen dankbar, weil sie einen deutlichen, natürlich gewachsenen Spannungsbogen ermöglicht. Erforderlich sind zugleich rhythmische Flexibilität im freien Beginn und ein sicherer, klar geführter Übergang in den strahlenden Refrainteil. Die Begleitung darf im Anfangsteil zurücktreten und im Refrain breit und tragend werden.
Im Repertoire ist „Volare“ der stimmliche und emotionale Höhepunkt eines Italien-Blocks. Es ist das Stück mit dem größten Mitsing-Potenzial des Programms – der Refrain ist international bekannt und aktiviert das Publikum praktisch von selbst. Dramaturgisch gehört es an eine Stelle mit maximaler Wirkung: als Abschluss eines Blocks, vor der Pause oder als Zugabe. Interpretatorisch verlangt es großes, ungebremstes Pathos ohne Scheu vor der Geste – hier ist Zurückhaltung fehl am Platz. Gerade im direkten Anschluss an leisere, nachdenkliche Titel entfaltet der Kontrast seine volle Kraft.